Montag, 11. April 2016

Passende Strategien für unterschiedliche Pferdepersönlichkeitstypen und Gedanken zur Phase 4


Nicola Steiner
Was ist besser? Eine Methode für alle Pferde oder grundsätzlich individuell auf jedes Pferd eingehen? Keins von beiden!!! Denn ein Pferd ist ein Pferd und es sind nicht alle Pferde gleich. Genug des Verwirrspiels: Die Kunst ist es doch, beides miteinander zu verbinden. Also sollte der erste Blick zunächst dahin zielen, worin alle Pferde gleich sind: Fluchttiere, die in Hierarchien leben, wo es keine basisdemokratischen Entscheidungen gibt und es wirklich nicht immer lieb, nett und sanft zugeht. Positive Verstärkung kennt die Leitstute übrigens nicht, auch wenn dies oft genug zumindest geeignet ist, um den Pferden Tricks oder Zirkuslektionen beizubringen. Aber in der Pferdewelt geht es doch anders zu: Das ranghohe Pferd droht und wenn das andere nicht zur Seite geht, dann gibt es einen (meist moderaten) Klaps. Das ist also etwas, was wirklich jedes Pferd versteht und damit entspricht diese Vorgehensweise doch in der Tat ganz und gar einer artgerechten Pferdeausbildung, weil das Vorgehen natürlich fürs Pferd ist.



Dennoch bringt gerade dieser gelegentliche Klaps (analog das Schütteln des Führseils) das Natural Horsemanship (NHS) zuweilen in die Kritik. Im NHS ist dieses Vorgehen als Phase 4 bekannt, was impliziert: Vorher gab es noch drei andere (nettere) Phasen, die das Pferd ignoriert hat. Wenn ich als Mensch also nett zum Pferd sein will und mich trotzdem durchsetzen will, kann es schwierig werden, wenn ich zeitgleich den Standpunkt vertrete: „Bei mir gibt es keine Phase 4!“ Dann endet die Kommunikation zwischen dem Pferd und mir damit, dass ich Stick oder Seil wedelnd vor dem Pferd stehe und das Pferd steht halt auch und bewegt sich keinen Zentimeter. Daher ist zunächst festzuhalten, dass eine Phase 4 sich dadurch auszeichnet, dass sie effektiv ist, also dazu führt, dass das Pferd zur Seite tritt, wobei der Grundsatz „So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich“ gilt. Und schon sind wir mitten im Thema gelandet, dass nicht jedes Pferd gleich ist, denn auch wenn die ersten drei Phasen bei jedem Pferd nahezu identisch sind, ist die Phase 4 im höchsten Maße individuell. Was bei dem einen Pferd zu lasch ist, ist beim anderen viel zu hart. Wichtig bei der Phase 4 ist auch, dass man emotionslos dabei ist. Man sollte den Grundsatz „Mach ein Spiel daraus“ beherzigen – kommt Wut oder Frust ins Spiel, dann wird Gewalt aus dem Klaps und Gewalt und Strafe gibt es im Natural Horsemanship nicht: Man spiegelt im Grunde nur die Energie, die das Pferd entgegen setzt und gibt vier Unzen hinzu (100 Gramm). Dieses Vorgehen ist vor allem dann angebracht, wenn wir unseren persönlichen Bereich gegen das darin eindringende Pferd verteidigen müssen.
Das Beanspruchen des Raums ist ein wichtiger Faktor in der Pferdewelt, um den eigenen Rang in der Herde zu behaupten: Pferde tun dies übrigens, indem sie miteinander spielen. Ebenfalls für alle Pferde gleich ist es, dass die Frage des „Wer-bewegt-wen?“ ebenfalls in der Regel im Spiel geklärt wird. Bis hierhin sind sich also alle Pferde ziemlich ähnlich. Aber in der Pferdeausbildung geht es ja nicht nur darum, den eigenen Raum zu verteidigen, sondern wir wollen ja auch sportliche Leistungen wie z.B. fliegende Galoppwechsel erarbeiten und schwierige Lektionen gelingen umso besser, je motivierter ein Pferd ist. Hier hilft es uns, etwas genauer hinzuschauen, wie das Pferd eigentlich tickt und welchen Persönlichkeitstyp es repräsentiert.
© Katharina Erfling, www.pony-galopp.de
Zunächst ein paar Worte zum Modell. Ich beziehe mich hier auf die urheberrechtlich geschützten Begriffe derHorsenalitys, die von Linda und Pat Parelli anhand eines ähnlich lautenden für Menschen entwickelten psychologischen Modells (Humanalitys) entwickelt und systematisiert wurden. Der Verständlichkeit halber wird unterschieden zwischen der eher rationalen und selbstbewussten linken Gehirnhälfte (Left Brain) und der überwiegend emotionalen und unsicheren rechten Gehirnhälfte (Right Brain), die im grafischen Modell durch eine vertikale Linie getrennt werden. Eine horizontale Linie trennt zwischen bewegungsfreudigen Persönlichkeitstypen (Extroverts) und den sogenannten Introverts, die sich entweder nicht so gerne bewegen wollen oder dies vielleicht auch gar nicht können. Linda Parelli hat dies stark vereinfachend sinngemäß einmal so ausgedrückt:
„Die Right-Brain Extroverts gehen nach vorn, die Left-Brain Extroverts nach oben. Die Left-Brain Introverts wollen sich nicht bewegen und die Right-Brain Introverts können sich nicht bewegen.“ 
Natürlich gibt es auch Mischformen.
Was bedeutet das jetzt für die Pferdeausbildung? Fangen wir einfach einmal mit den selbstbewussten Pferden an, die ähnlich wie ein pubertierender Teenager erstmal klarstellen wollen, dass der Mensch ganz sicher nicht der Boss ist. Hier kommt man zumindest zu Beginn nicht drum herum, die Rangordnung möglichst eindeutig zu klären, um das Pferd kontrollierbar zu machen: Also erstmal auch dann Kontrolle, wenn das Pferd zunächst eher ungern gehorcht, denn die Sicherheit des Menschen geht vor. Langfristig wollen wir aber, dass das Pferd nicht nur gehorcht, sondern dies auch gerne tut. Linda Parelli sagt hierzu sinngemäß: „Jeder kann ein Pferd dazu bringen, dass es tut, was wir verlangen. Aber wer schafft es schon, dass ein Pferd genau dies tun WILL?“ Genau dafür sind die Horsenality-Strategien da: Sie helfen, das Pferd zu motivieren.
Den nach Parelli benannten Left Brain Introvert (LBI) kennt jeder aus dem eigenen Reitunterricht: Es wird oft faul genannt und bewegt sich, wenn überhaupt nur in Zeitlupe, während der Reiter sich oben im Sattel schwitzend abrackert. Es gibt bei Parelli Plüschpferde der einzelnen Horsenalitys, die T-Shirts tragen. Beim LBI steht auf dem T-Shirt: „Und was springt für mich dabei raus?“ Also extrem gut geeignet für Leute, die gerne positiv verstärken oder mit Futter arbeiten (auch hier muss die Sache mit dem Abstand und dem persönlichen Bereich natürlich geklärt sein). Eine Phase 4 beim LBI muss kurz, knackig und effektiv sein, weil dieser Pferdetyp sonst sagt: „Der Mensch bewegt sich mehr als ich, also bin ich ranghoch.“ LBIs sind die Punktezähler unter den Pferden. Auch wenn sie sich körperlich kaum bewegen, so sind sie geistig sehr rege und zählen in etwa so: „Der Mensch hat sich bewegt: Der Punkt geht an mich“. Gut motivieren lässt sich der LBI aber durch Pausen, z.B. kann man zu Beginn des Trainings von Ecke zu Ecke reiten und immer dort eine Pause einbauen – möglicherweise stellt man zunächst eine Tonne dorthin, wo das Pferd ein Stück Möhre findet. Nach und nach reduziert man die Stellen wieder, wo pausiert wird: Der LBI denkt dann, dass sein Weg ein Ziel hat und das Gehen macht somit mehr Sinn für ihn. Eine bewährte Strategie ist auch die umgekehrte Psychologie. Einfach mal etwas Unerwartetes tun, z.B. auf die Weide gehen, das Halfter anziehen und sofort wieder ausziehen. Wenn wir beim LBI eine Phase 4 benötigen, ist eine Strategie hilfreich, bei der Druck rhythmisch aufgebaut wird – etwa im Sekundentakt, wobei die Steigerung erfolgt, indem man jeden Klaps symbolisch (und emotionslos) in der Intensität verdoppelt. Dies sollte man sich aber unbedingt von einem gut ausgebildeten Trainer zeigen lassen.
© Katharina Erfling, www.pony-galopp.de
Der andere selbstbewusste Persönlichkeitstyp ist der Left Brain Extrovert (LBE). Auf seinem T-Shirt steht: „Ich mach das so, wie ich das will.“ Also ein bewegungsfreudiges, aber auch streitsüchtiges Pferd, was regelrecht Spaß an Auseinandersetzungen mit seinem Menschen zu haben scheint. Je mehr der Mensch  auf diese Streitversuche eingeht, desto mehr Streitereien zettelt der LBE an. Hier gilt es also das Maß zu finden: Einerseits muss es aus Sicherheitsgründen gelingen, effektiv zu sein und das Pferd auf Abstand zu halten. Andererseits sollte man die Streitlust dieser Pferde nicht allzu sehr herausfordern. Wenn also die Rangordnung geklärt ist, sollte man die Ideen des LBE aufnehmen und flexibel sein. Geht man mit dem Plan auf den Platz, dass man Zirkel machen will und das Pferd bietet stattdessen wunderbare Seitwärts- oder Rückwärts-Manöver, kann es sich lohnen, darauf einzugehen und erst im zweiten Teil der Einheit auf die Zirkel zurückzukommen. Auf der Rückseite des LBE-T-Shirt steht: „Spiel mit mir!“ Also seien Sie provokativ und interessant für diesen Pferdetyp: Beim Reiten können das rasch aufeinander folgende Übergänge und Richtungswechsel sein. Wenn dieses Pferd nicht weiß, was als Nächstes kommt, wird es spannender. Wenn Sie schon fortgeschritten im Natural Horsemanship sind, können Sie hier auch die Strategien anwenden, die ich im Kapitel über Umgekehrte Psychologie bei Pferden vorstelle.
© Katharina Erfling, www.pony-galopp.de
Eine andere Art des bewegungsfreudigen Pferdes ist derRight Brain Extrovert (RBE). Es ist das Fluchttier schlechthin und immer zum Weglaufen bereit. Hier macht es zunächst nicht viel Sinn, das Pferd zum Stillstehen zwingen zu wollen. Es hat Angst und es KANN die Füße einfach nicht still halten. Wo es für den LBI wichtig ist, dass jeder Weg ein Ziel hat und es Pausen gibt, machen wir beim RBE das Gegenteil – wir lassen es laufen und laufen und laufen, z.B. immer im Kreis. Für einen LBE wäre das endlose Im-Kreis-Laufen todlangweilig, aber der Right Brain Extrovert kann durch das Traben oder Galoppieren im Kreis, seine Emotionen herauslassen. Der RBE ist auf der Suche nach einem Führer, bei dem er sich beschützt fühlt. Wenn Sie hier zu geduldig sind, so dass es aufs Pferd zögerlich wird, fühlt es sich aber auf sich gestellt und traut ihnen nicht zu, dass Sie es vor dem angreifenden Tiger beschützen können. Also wird es versuchen, sich selbst zu beschützen und die Flucht ergreifen, was für Mensch und Tier gefährlich enden kann. Hier ist ihr Leadership mehr gefragt als bei jeder anderen Horsenality. Wenn das Pferd Angst hat, funktioniert es hier sehr gut, wenn sie dem Pferd eine Aufgabe geben, z.B. Seitengänge. Wo Left-Brain-Pferde Abwechslung mögen, verhält es sich bei Right-Brain-Pferden genau andersherum: Sie lieben die Wiederholung. Eine weitere zum RBE passende Strategie wird im Parelli-System „Zero Brace“ (Null Spannung) genannt. Hier ist der Reiter einfach nur Passagier und versucht ohne zu lenken, sich einfach den Bewegungen des Pferdes so entspannt wie möglich anzupassen – selbstverständlich nur in einem eingezäunten Bereich.
Bis hierher kann man sagen, dass es Sinn macht, sich als möglichst ranghoch zu präsentieren. Beim Right Brain Introvert (RBI) ist jedoch alles anders. Denn diesen Pferden muss der Ausbilder wirklich Zeit geben. Eigentlich sind die RBIs sehr gehorsame Pferde, aber gerade das sollte uns bedenklich stimmen, denn diese Pferde flüchten nach innen. Berichten zufolge fliehen diese Pferde nicht, wenn eine wild lebende Pferdeherde angegriffen wird, sondern bleiben einfach stehen. Diese Flucht nach innen kann sich z.B. auch durch eine Kolik äußern. Es gibt hier auch das Phänomen, dass das Pferd zunächst still steht und dann explodiert und sogar beginnt regelrecht zu kämpfen. Hier ist es also ganz wichtig, die Körpersprache des Pferdes zu lesen. Werden die Augen starr und blinzeln nicht mehr, ist dies ein typisches Zeichen dafür, dass ein Pferd unsicher ist. Sieht man aber einen nach innen gekehrten Blick in Verbindung mit anderen körpersprachlichen Anzeichen, dann könnte es sich um einenRBI handeln. Auch wenn man das Gefühl hat, dass sich das Pferd so gar nicht einordnen lässt, ist es häufig einRBI. Wo man bei allen drei anderen Pferdepersönlichkeitstypen auf der sicheren Seite ist, wenn man sein Leadership verbessert, verhält es sich hier eher umgekehrt. Übt man auf diese Pferde Druck aus, dann flüchten sie nach innen. Wenn das Pferd sich nicht bewegt, dann in diesem Fall nicht, weil es faul ist, sondern weil es vor Furcht regelrecht erstarrt.
Bei Parelli gibt es ein Formular, bei dem man durch Ankreuzen einen Hinweis darauf erhält, wo das eigene Pferd zuzuordnen ist – oft genug in zwei oder sogar drei Quadranten. Manchmal liegen die Quadranten nebeneinander und manchmal auch gegenüber, was bipolar genannt wird. Wenn ein Pferd zwischen zwei Persönlichkeitstypen wechselt, gilt es blitzschnell die Strategie zu wechseln. Man erkennt das an der Körpersprache. Bei blinzelnden Augen ist davon auszugehen, dass das Pferd „Left Brain“ ist. Wird das Pferd starr (Augen, Ohren, Körper) ist es meist Right Brain. Bei einem Right Brain Introvert ist die Maulpartie oft so verkniffen, dass die Nüstern ungleich hoch liegen. Dies sind nur einige wenige Beispiele aus der Körpersprache der Pferde. Auch beim Lesen der Körpersprache empfiehlt sich versierter Unterricht. Denn das Ohren-nach-hinten-legen, ist nicht immer eine Drohung. Eine Drohung ist es nur, wenn die Ohren flach am Pferdekopf anliegen und die Ohrmuschel dabei geschlossen ist. Ein einfach nur nach hinten gerichtetes Ohr kann eben auch bedeuten, dass das Pferd einfach nur nach hinten hört. Auch beim so genannten Putzgesicht, wenn man das Pferd an seiner Lieblingsstelle krault, sind die Ohren oft nach hinten gerichtet. Es gilt beim Lesen der Körpersprache also immer den Gesamteindruck zu betrachten.
Um zu verdeutlichen, warum es uns so viel weiter bringt, wenn wir die Horsenality unserer Pferde erkennen und verstehen, möchte ich diesen Artikel mit zwei Zitaten abschließen:
„Mach Deine Idee zur Idee Deines Pferdes, aber verstehe zunächst seine Idee.“ (Pat Parelli)
„Gib dem Pferd, was es braucht und es gibt Dir, was Du willst.“ (Linda Parelli)

Fotos: Katharina Erfling (www.pony-galopp.de)

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