Mittwoch, 30. Dezember 2015

Pferde sind die besseren Therapeuten

Warum es manchmal richtig & wichtig ist, Angst zu haben & dazu zu stehen

Vor einem Jahr hatte ich über Queenie das hier geschrieben: 

Ich hatte Euch ja Anekdoten versprochen. Dieses Mal geht es um mich und ich muss etwas weiter ausholen : Vor etwas über einem Jahr hatte ich ja einen Autounfall, wo ein anderer Verkehrsteilnehmer in rasender Geschwindigkeit in mich reingeschossen ist, weil er wohl aufs Handy gesehen hat statt auf die Strasse. Abgesehen vom chronischen Schleudertrauma habe ich seitdem mit Ängsten und gelegentlichen Flashbacks zu kämpfen – komischerweise mittlerweile seltener beim Autofahren: aber beim Reiten ist dieses Gefühl, das Leben sei bedroht, immer mal wieder aufgetaucht: 


Zuerst beim ersten Galopp mit Fancy und dann auch als ich mich das erste Mal nach dem Unfall wieder auf Lucky gesetzt habe – man weiß ja wie irrational das ist, insbesondere weil Lucky ja wirklich eine Seele von Pferdchen ist, was man von meinem eigenen Pferd "Queenie" ja nicht gerade sagen kann. Als Larissa sie eingeritten hat, hat sie ein paar Mal ihr Talent als Rodeopferd bewiesen und vor einigen Wochen ist ihr aufgefallen, dass Steigen auch sehr witzig sein kann. Zumindest fürs Pferd.
Da mein Nacken auch noch nicht wieder zu 100 Prozent ausgeheilt ist, bin ich vorsichtiger als vor zwei Jahren, wo ich mich noch so ziemlich auf alles drauf gesetzt habe. Aber ich hab die Kleine von Fohlen an, sie ist mein Pferd und will die natürlich auch reiten. Na ja, wer Schiß vorm Reiten hat, macht viel am Boden und so Natural Horsemanship Freaks wie ich erst Recht ...  und egal, wie weit man da kommt: Eins erreicht man auf jeden Fall – die Beziehung zum Pferd wird inniger und inniger - immer mehr. Und das Parelli-Programm hält zumindest insofern, was es verspricht, dass Queenie bei mir noch nicht ein einziges Mal gebuckelt hat und auch noch nie gestiegen ist. Manchmal denke ich wirklich der kleine Giftzwerg passt auf mich auf und will mich nicht in Gefahr bringen. Aber dann rufe ich mich selbst sofort zur Ordnung: „Was ist denn das für ein sentimentaler Wendy-Quatsch, Du hattest einfach Glück.“ Es ist auch nicht so, als würde sie bei  mir keinen Widerstand leisten: Sie bleibt manchmal einfach aus dem Galopp stehen, wenn es ihr zu anstrengend wird und verweigert zuweilen den Spin. Ich war da auch schon Schweiß gebadet, aber sie hat noch nie gebuckelt und ist noch nie gestiegen, wenn ich auf ihr saß. Dennoch löst es bei mir gewaltige Ängste aus, wenn ich sehe, wie sie es mit Larissa tut, weil die senkrecht in der Luft steht – aber die aufkeimenden Ängste habe ich mit Selfmade-Mantras wie: „Bin ich ein Cowgirl oder ein Weichei?“ bisher mehr oder weniger gut bekämpft.

Da wir aber zu 100 Prozent sicher waren, dass Queenie nur steigt (gebuckelt hat sie ja seit Frühjahr nicht mehr), wenn man etwas von ihr verlangt, kommt es in ganz seltenen Fällen vor, dass wir sie im Unterricht einsetzen, wenn es mal eng wird - natürlich nur bei sehr guten Reitern. Bisher war sie dabei immer sehr brav, aber letzten Freitag ist sie aus dem Stand hoch gegangen und stand mal wieder beinahe senkrecht in der Luft. Dieses Mal ist sie prompt samt Reiterin nach hinten gekippt. Sie stand hinter ihrer Mutter Fancy, vielleicht wollte sie hinten drauf springen und hat sich gar nichts Böses dabei gedacht. Wie man so schön sagt: „Die will nur spielen.“ Es ist keinem etwas passiert und als Larissa aufgestiegen ist, war sie totbrav – was sie zu 99 Prozent der Zeit sowieso ist – es sind schon seltene Ausnahmen, dass Queenie ihren Schabernack treibt und ich glaube auch wirklich nicht, dass sie sich dabei etwas Böses denkt – zumal Larissa in solchen Situationen ja auch immer Herr der Lage ist. Aber das Bild mit dem Pferd, was samt Reiter nach hinten kippt, hatte sich in meinen Kopf eingefressen und offenbar haben alle Verdrängungsversuche nicht gefruchtet. Wir haben uns nun gestern für den Sonntagsausritt fertig gemacht und als beim Aufsteigen, Lucy ankam und ungeduldig kläffte, wurde mir klar, dass meine Nerven blank liegen. Okay, Mantra ein: „Sind wir Cowgirls oder nicht?“ und los geht es: Leider absolut angespannt und nahezu eingekringelt in Richtung Embryo-Haltung. Und meine Queenie, die eigentlich vor nichts Angst hat, außer dass ihr der Himmel auf den Kopf fällt, war zum ersten Mal in ihrem Leben schreckhaft – aber nicht zu knapp. Auf dem fünfminütigen Weg vom Stall zum Wald habe ich demnach dreimal zu Larissa gesagt: „Ich muss absteigen, ich kann die nicht reiten.“ Immer wenn Larissa prompt mit mir tauschen wollte, war ich so weit wieder hergestellt, dass ich doch weiter reiten wollte – so ungefähr 10 Meter zumindest. Und wie das an so Tagen ist, es bleibt einem nichts erspart: Der eine Nachbar schippt laut kratzend Schnee, der andere scheppert mit etwas Undefinierbarem und gerade am Waldrand angekommen, kommt einem auch noch ein fremder Hund entgegen, worauf ich Larissa in Panik anbrüllte: „Mehr nach rechts.“ weil ich mir wohl eingebildet hatte, gleich gibt es eine Beißerei zwischen diesem und unserem Hund (was noch NIE passiert ist in solchen Situationen). Jedenfalls war das der Moment, wo Queenie dachte: „Ich muss uns in Sicherheit bringen und zwar schnell.“ Sie drehte ab in die entgegen gesetzte Richtung: ein perfekter Rollback zum Galopp, aber eigentlich nur 1 – 2 Meter: Sie hat sich sofort wieder von mir anhalten und umlenken lassen, ist weder gestiegen noch hat sie gebuckelt und ist dann ganz brav mit mir in den Wald gestiefelt. Ich habe gezittert wie Espenlaub und ich nehme an, dass das ein unfallbedingter Flashback war, vor denen mich einer der beiden Psychologen gewarnt hatte, kommt vor bei dieser Art von Traumata. Na ja, das scheint ja gut geklappt zu haben mit der Trauma-Therapie, denn das Trauma hat sich offenbar ziemlich gut gehalten. 

Als ich mich dann endlich halbwegs beruhigt hatte und wir traben wollten, galoppiert Fancy an : Mein Gott !!! Das waren mindestens zwei Meter Galopp. Zeit für den nächsten Adrenalinschub – wieder einer, der sich gewaschen hat. Somit war jetzt endgültig Zeit für einen Pferdetausch, da Lucky sich ja ohnehin schon als Traumatherapeut bei diversen Reitschülern nützlich gemacht hatte: Aber man merkte, wie angespannt er war, als ich nervliches Wrack auf ihn rauf kletterte. 50 Meter weiter fällt Queenie dann ein, dass sie ja zu ihrer Mama Fancy aufgaloppieren könnte, Larissa könne ja mitkommen. Damit war es endgültig vorbei mit meiner Selbstbeherrschung: Es brach in Sturzbächen aus mir heraus – obwohl Heulsuse sein ja so gar nicht mein Stil ist: Den Nachhauseweg habe ich Rotz und Wasser geheult und weil uns ja (wie gesagt) nichts erspart blieb, trafen wir auch noch Bekannte (peinlich, peinlich). Aber das Erstaunliche war, dass in dem Moment, wo mir der Kloß hoch rutschte und die Kehle zuschnürte, Lucky den Hals fallen ließ und schnaubte. Auch Queenie vor mir ging endlich wieder in ihrem gewohnten Tempo, was bekanntermaßen langsam ist – sehr langsam.

Ich habe mal ein Buch gelesen („Tao des Equus“ von Linda Kohanov), worin steht, dass Pferde sehr gut auch mit negativen Gefühlen "ihrr" Menschen umgehen können, aber nicht mit inkongruenten Gefühlen: Soll heißen, wenn man das Cowgirl spielt, obwohl man innerlich vor Angst flattert - gar nicht gut fürs Pferd. 

Als die Bekannten endlich außer Sichtweite waren, mussten Larissa und ich zwar unter Tränen herzlich lachen und haben dann wie aus einem Munde gesagt: Vielleicht war es das, was ich dringend mal gebraucht habe. Irgendwie hat Queenie es mir gegeben, die fehlende emotionale Verarbeitung. Queenie hat wahrscheinlich den Spruch von Parelli im Kopf gehabt: „Gib Deinem Menschen, was er braucht und er gibt dir, was Du willst.“ oder so ähnlich.

Da der Ausritt stark abgekürzt war (nur im "kleinen Wald", wie wir so schön sagen), haben wir uns entschlossen noch etwas Bodenarbeit zu machen. Und es muss ja nicht immer Arbeit sein – Parelli empfiehlt ja auch immer mal wieder „undemanding time“ mit dem Pferd zu verbringen: Zeit, die man einfach sozusagen schweigend miteinander verbringt und wo der Mensch nichts vom Pferd verlangt. Also bin ich mit Queenie auf die Weide neben dem Reitplatz, wo Janik mit Fancy gespielt hat, habe das Seil abgemacht und mich 10 Meter von ihr entfernt auf eine Getränkekiste gesetzt und dachte, ich beobachte jetzt mein Pferd beim Tollen auf der Wiese. Pferd war anderer Meinung, drehte den Spieß rum und gab zu verstehen: „Wenn Du nichts von mir verlangen willst, muss das ja nicht heißen, dass ich auch nichts von Dir verlange.“ Sie kam schnurstracks zu mir hin und machte Vorschläge, wie wir beide die Zeit verbringen könnten: Lieblingsspiel aller 12-Oaks-Stuten: Handschuh ausziehen. Da Queenie nicht einsehen wollte, dass das bei Fingerhandschuhen nicht klappt, habe ich brav den dicken Handschuh aus der Jacke gekramt und mit ihr das Spiel Tausche-Handschuh-gegen-Möhre gespielt, worauf Queenie erneut den Handschuh haben wollte, der dann aufgrund ihrer Eile übersät mit Möhrenstückchen war – es scheint ihr wohl dabei nicht um die Leckerlis zu gehen.

Alsbald wollte Larissa mir etwas erzählen, worauf Getränkekiste und ich zehn Meter weiter gewandert sind – ihr könnt Euch sicher denken, dass wir nicht lange alleine waren. Da niemand Queenie einen Handschuh anbot (ich unterhielt mich gerade mit meiner Tochter), hat Queenie mir doch glatt die Mütze vom Kopf geklaut, war aber so vorsichtig mit ihren kleinen Milchzähnchen, dass ich dachte: Wie konnte ich nur eine Sekunde glauben, dass dieses rotznäsige, aber wirklich anhängliche Pferdchen mich jemals in ernsthafte Gefahr bringen würde. Und die Moral von der Geschicht: Pferde sind eben doch die besseren Therapeuten.

(Dies ist ein Rückblick und war ursprünglich der Eintrag in unserem täglichen Blog am 5. Januar 2015: http://www.12oaks-ranch.de/blog/januar-angst-beim-reiten/ )  

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